Bedarfsermittlung in der Palliativpflege

Die Bedarfsermittlung ist der erste und zentrale Schritt, um individuelle Ziele, Symptome, Ressourcen und Wünsche eines schwerkranken Menschen zu erfassen. Sie orientiert sich an körperlichen, psychosozialen, spirituellen und sozialen Dimensionen.

1. Körperliche Bedarfe

Ziel: Belastende Symptome erkennen, lindern und priorisieren

Typische Assessments und Beobachtungsschwerpunkte:

  • Schmerz (NRS, VAS, BESD)
  • Atemnot / Dyspnoe
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust
  • Fatigue, Schwäche
  • Schlafstörungen
  • Dekubitusrisiko, Hautveränderungen
  • Ausscheidungsprobleme (Obstipation, Inkontinenz)
  • Delir / Unruhe / Angstzustände
  • Durst- / Flüssigkeitsbedürfnis
  • Funktionelle Einschränkungen (Mobilität, Transfers)

Frageleitfaden:

  • „Welche Beschwerden belasten Sie im Moment am meisten?“
  • „Was hat sich in den letzten Tagen verändert?“

2. Psychosoziale Bedarfe

Ziel: Belastungen, Angst, Sorgen und Ressourcen verstehen

Beobachtung & Gespräch:

  • Angst, Trauer, Verzweiflung
  • Gefühl von Kontrollverlust
  • Soziale Isolation
  • Beziehungskonflikte
  • Rollenveränderungen (z. B. Familienrollen)
  • Bedürfnisse nach Sicherheit, Nähe, Ruhe

Fragen:

  • „Was macht Ihnen gerade am meisten Sorgen?“
  • „Was gibt Ihnen Halt – und was nimmt Ihnen Kraft?“

3. Spirituelle Bedarfe

Ziel: Individuelle Sinn- und Glaubensaspekte berücksichtigen

  • Fragen nach Lebenssinn, Hoffnung, Verlust
  • Religiöse oder kulturelle Rituale
  • Bedürfnisse nach Seelsorge
  • Existenzielle Fragen (Sterben, Schuld, Abschied)

Fragen:

  • „Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie an Ihr Leben und Ihre Situation denken?“
  • „Gibt es etwas, das Ihnen spirituell oder innerlich Kraft gibt?“

4. Soziale Bedarfe

Ziel: Versorgungssicherheit und Angehörigenbelastung einschätzen

  • Angehörigenkompetenz und Belastung
  • Wohnsituation, Pflegegrad, Hilfsmittel
  • Entlassmanagement / Versorgungsorganisation
  • Unterstützungsbedarf zuhause (SAPV, Hospizdienste)

Fragen:

  • „Wer ist für Sie da – und braucht jemand Unterstützung?“
  • „Was brauchen Sie, um sich im Alltag sicher zu fühlen?“

5. Wünsche, Werte und individuelle Ziele

Ziel: Lebensqualität nach persönlicher Definition ermöglichen

  • Was ist dem Patienten besonders wichtig?
  • Welche Aktivitäten oder Rituale haben Priorität?
  • Wo möchte die Person die letzte Lebensphase verbringen?
  • Priorisierung der Symptomlinderung (z. B. Bewusstsein vs. Schmerzfreiheit)

Fragen:

  • „Was ist Ihnen im Moment das Wichtigste?“
  • „Worauf möchten Sie auf keinen Fall verzichten?“

6. Versorgungsziele & Vorausplanung (ACP)

  • Therapiezielklärung
  • Umgang mit lebensverlängernden Maßnahmen
  • Patientenverfügung / Vorsorgevollmacht
  • Notfallplanung (z. B. Atemnot, Unruhe, Blutung)

7. Team- & Angehörigenperspektive

  • Einschätzungen anderer Professionen einholen
  • Entlastungsbedarf der Angehörigen klären
  • Gemeinsame Zielplanung im Team

Ergebnis der Bedarfsermittlung

Die Ergebnisse fließen in eine personalisierte, palliative Pflegeplanung ein, die:

  • symptomorientiert
  • bedürfnisorientiert
  • realistisch und wertebasiert
  • flexibel und kontinuierlich angepasst

ist.


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