Hintergrund: Diabetes mellitus und Insulintherapie
Definition
Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, die durch Hyperglykämie infolge einer absoluten oder relativen Insulininsuffizienz gekennzeichnet ist.
Insulin reguliert den Glukosestoffwechsel, indem es die Aufnahme von Glukose in Muskel-, Fett- und Leberzellen ermöglicht.
Formen
| Typ | Ursache | Therapieprinzip |
|---|---|---|
| Typ 1 | Autoimmunbedingte Zerstörung der β-Zellen im Pankreas → absoluter Insulinmangel | Lebenslange Insulintherapie |
| Typ 2 | Insulinresistenz der Zielzellen und relative Sekretionsstörung | Bewegung, Ernährung, orale Antidiabetika, ggf. Insulin |
| Sekundärer Diabetes | Folge anderer Erkrankungen (z. B. Pankreaserkrankungen, Hormondysregulation) | Behandlung der Grunderkrankung |
| Gestationsdiabetes | Glukoseintoleranz in der Schwangerschaft | Diät, ggf. Insulin |
2. Ziel der subkutanen Insulininjektion
- Sicherstellung einer physiologisch angepassten Insulinzufuhr
- Vermeidung von Hyper- und Hypoglykämien
- Unterstützung der Selbstständigkeit und Patientenedukation
3. Wirkmechanismus und Pharmakologie
Insulin bindet an Rezeptoren der Zielzellen und bewirkt:
- Glukoseaufnahme in Muskel- und Fettzellen
- Hemmung der Glukoseneubildung (Gluconeogenese) in der Leber
- Förderung des Glykogenaufbaus
- Senkung des Blutzuckerspiegels
4. Insulinarten (pharmakokinetisch unterschieden)
| Insulinart | Wirkungseintritt | Wirkmaximum | Wirkdauer | Beispiele |
|---|---|---|---|---|
| Normal- / Kurzzeitinsulin | 10–30 min | 1–3 h | 3–6 h | Insulin lispro, aspart |
| Intermediärinsulin (NPH) | 1–2 h | 4–8 h | 8–12 h | Insuman Basal |
| Langzeitinsulin | 1–2 h | kein klarer Peak | 24 h+ | Glargin, Degludec |
| Mischinsulin | kombiniert | abhängig vom Anteil | 12–18 h | NovoMix 30 |
5. Injektionsstellen und Resorptionsgeschwindigkeit
| Injektionsstelle | Resorption | Hinweise |
|---|---|---|
| Abdomen (Bauchdecke) | schnell | bevorzugt für Bolusinsulin |
| Oberarm (hintere Außenseite) | mittel | schwer erreichbar bei Selbstinjektion |
| Oberschenkel (vorderseitig-lateral) | langsam | geeignet für Basalinsulin |
| Gesäß (oberer Quadrant) | langsam | alternative Stelle |
➡ Wichtig: Rotationsprinzip – Wechsel der Einstichstellen innerhalb einer Region, um Lipohypertrophien oder Lipoatrophien zu vermeiden.
6. Vorbereitung und Durchführung der subkutanen Insulininjektion
Material
- Insulinpen oder Insulinspritze
- Neue sterile Injektionsnadel (Einmalgebrauch)
- Hautdesinfektionsmittel (optional, bei Bedarf)
- Tupfer, Abwurfbox
- Blutzuckermessgerät (bei Bedarf vor der Injektion)
Durchführungsschritte
- Händedesinfektion
- Identität und Verordnung prüfen (Name, Insulintyp, Dosierung, Zeitpunkt)
- Insulin kontrollieren
- Richtiger Typ
- Konzentration (meist 100 I.E./ml)
- Verfallsdatum
- Aussehen (klar oder milchig je nach Präparat)
- Insulin ggf. aufrollen (bei NPH- oder Mischinsulin)
- Dosis einstellen am Pen
- Injektionsstelle wählen – intakte Haut, keine Narben, keine Lipohypertrophie
- Hautfalte bilden (Daumen–Zeigefinger, ca. 2–3 cm)
- Einstich:
- senkrecht (90°) bei kurzer Nadel (4–6 mm)
- schräg (45°) bei längerer Nadel oder dünner Haut
- Langsam injizieren, dann 5–10 Sekunden warten, bevor die Nadel entfernt wird
- Nadel sicher entsorgen, keine Massage der Einstichstelle
- Dokumentation: Dosis, Uhrzeit, Ort, Reaktion
7. Beobachtung und Komplikationen
| Komplikation | Ursache | Pflegerische Maßnahme |
|---|---|---|
| Hypoglykämie (BZ < 70 mg/dl) | Überdosierung, Nahrungsverzögerung, Bewegung | Sofort Traubenzucker / Glukosegabe, Kontrolle, Arzt informieren |
| Hyperglykämie | Unterdosierung, Insulin vergessen | BZ-Kontrolle, Arzt informieren |
| Lipohypertrophie | häufige Injektion an derselben Stelle | Rotationsschema, Schulung |
| Infektion / Hämatom | unsaubere Technik | Hygiene, Beobachtung, ggf. Wundversorgung |
8. Pflegerische Schwerpunkte
- Patientenbeobachtung: Haut, Allgemeinzustand, BZ-Werte
- Patientenedukation:
- Schulung zur Selbstinjektion und Dokumentation
- Erkennen von Hypo-/Hyperglykämie
- Richtige Lagerung und Handhabung des Insulins
- Ernährung, Bewegung, Umgang mit Alkohol und Krankheitstagen
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: mit Ärzt:innen, Diabetolog:innen, Ernährungsberatung
9. Rechtliche und hygienische Aspekte
- Durchführung nach ärztlicher Anordnung (Medikamentenrecht, SGB V § 15)
- Hygienestandards: Händedesinfektion, sterile Einmalkanülen, sachgerechte Entsorgung
- Dokumentationspflicht: Medikamentengabe, Reaktionen, Beobachtungen
- Schulungskompetenz: nach PflAPrV § 5 Abs. 2 Nr. 3.3 („Mitwirken bei therapeutischen und diagnostischen Maßnahmen“)
10. Reflexionsimpulse für Lernende
- Welche Unterschiede bestehen zwischen den Insulinarten und ihrer Anwendung?
- Wie beeinflusst die Wahl der Injektionsstelle die Wirkung?
- Welche Anzeichen einer Hypoglykämie muss ich kennen und wie handle ich sicher?
- Wie kann ich Patient:innen zur selbstständigen Durchführung motivieren und anleiten?


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